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Peter Noever
Der Sprung ins kalte Wasser
Kunst sammeln heißt konkret: eine Auswahl treffen, Prioritäten setzen, und zwar nach bestimmten Kriterien. Jede Sammlung spiegelt augenfällig ein bestimmtes Kunstverständnis wider; ob bewusst oder nicht, sammlerische Kaufentscheide sind stets theoriegeladen. Zum politischen Akt wird insbesondere institutionelles Sammeln: Wer kaufkräftig über die Sammlungswürdigkeit von Kunst befindet, zeichnet für deren Schicksal verantwortlich.
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Dass es zum Sammeln der Präferenzen bedarf, sehen die auf Rankings fixierten Profitjäger ebenso, doch ist ihnen Kunst nur die Fortführung der Geschäfte mit anderen Mitteln; es gehört heutzutage bereits zur „Unternehmenskultur“ finanzstarker Konzerne, sich aus Renommee- wie Investitionsgründen eine oft beliebige, seichte, mit teuren Kunst-Trophäen gespickte, der Allgemeinheit unzugängliche Wunderkammer zu leisten. In Zeiten wie diesen, wo die Politik aus ihrer Verantwortung flieht, wo sich nur über Wasser hält, wer nicht gegen den Strom, sprich die Diktate des globalisierten Marktes, schwimmt, steht der Kunst das Wasser bis zum Hals. Allenthalben ist man auf das Gefällig-Publikumswirksame, Marktgängige vereidigt; die landläufige Folge: eine konformistisch-affirmative, harmlos-triviale, zum Entertainment verkommene Allerweltskunst. Der Spagat zwischen Kommerz und Kunst wird für letztere zum Salto mortale ins Substanzlos-Beliebige. Die Waren-Kunst droht der wahren Kunst das Wasser abzugraben. Das Paradox der Kunst aber lautet: Nur um ihrer Unabhängigkeit willen bedarf die Kunst der Ökonomie. Es ist folglich unsere Pflicht, eine sich nicht an die Tauschwertlogik des Marktes wegwerfende, unabhängige Kunst am Leben zu halten. Schon allein aus mentalhygienischen Gründen und als Demonstration, dass alles auch anders sein könnte, tut der rezenten Gesellschaft eine Kunst der kompromisslos kritischen, subversiven, progressiven Interventionen dringend not. Gerade heute muss Kunst die Welt vom arroganten Begriff der Sicherheit weg- und wieder in schöpferische Unordnung führen. Kraft dieser Politik des Ästhetischen gilt es, sich sammlerisch klar zu positionieren, avancierte, unkonventionelle, substanzielle zeitgenössische Positionen aufzuspüren und konsequent zu unterstützen; bloß dem Gängigen zu frönen, ist ebenso kurzsichtig, wie nur das kulturelle Erbe vergangener Zeiten zu pflegen. Sich-Einlassen auf Kunst meint im Idealfall einen Prozess der wechselseitigen Inspiration, das heißt: Künstler, Kunstvermittler sowie Publikum gehen verändert daraus hervor. Ohne künstlerische Infusionen verknöchert jeglicher Organismus. Institutionen der Kunst sollten deren Eingriffe aufgreifen, verinnerlichen, weiterführen, sie sollten den Künstlerinnen und Künstlern als Plattform wie als Sprungbrett dienen.
Die MAK-Ausstellung „HELD TOGETHER WITH WATER. Kunst aus der Sammlung Verbund“ bedeutet für dieses Haus einen Sprung ins kalte Wasser, stellen wir doch zum ersten Mal die Sammlung eines Unternehmens aus. Der gegenwärtig fast schon kontradiktorischen Relation zwischen Kunst und Wirtschaft zum Trotz verbinden uns dennoch Gemeinsamkeiten: Der noch jungen „Sammlung Verbund“ ist es um die internationale Gegenwartskunst seit den 1970ern zu tun, sie stellt, getreu ihrer Maxime „Tiefe statt Breite“, kein konventionell-beliebiges, heterogenes Sammelsurium dar, vielmehr erstrebt sie eine nach zentralen Inhalten konstituierte Identität. Was in die Sammlung Eingang findet, wird unter die Termini „Performanz“ und „Räume / Orte“ subsumiert; um diese beiden thematischen Pole gravitieren die ausgewählten Kunstwerke. Neben den Werken etablierter sind diejenigen junger Künstler gefragt. Hat man sich einmal für die spezifische Position eines Künstlers entschieden, so erwirbt man anstatt einzelner Werke gleich ganze kohärente Werkgruppen. Die in der „Sammlung Verbund“ vertretenen künstlerischen Ansätze illustrieren mit all ihrem experimentell-kritischen Potenzial sehr gut Analogien zum Kunstbegriff des MAK.
Mit Birgit Jürgenssens feministischer Fundamentalkritik an der soziokulturellen Konstruiertheit von Weiblichkeit, mit ihrer Reflexion des männlichen Blicks auf das andere Geschlecht identifiziert sich das MAK seit eh und je. Unser Haus plant eine große Gesamtschau ihres Œuvres; bereits 2004 fand eine MAK-Ausstellung Untertitel: „Subversive Aspects of ,Feminism‘“ von Jürgenssens facettenreichem „Schuhwerk“ statt: Ob Skulptur, Zeichnung, Foto oder Collage, alles läuft dabei auf die Dekonstruktion schuhgewordener Männerphantasien bzw. -fetische hinaus. Die Künstlerin sieht ihre performativen Interventionen als kommunikative Chance, via direkter Aktion ihre Anliegen zu präzisieren. Wie radikal Jürgenssen die Privatsphäre politisiert, demonstriert die in dieser Ausstellung gezeigte Schwarzweißfotografie Hausfrauen-Küchenschürze (1975).
Ähnlich kritisch im politisch-feministischen Sinn geht Cindy Sherman in ihrer ikonoklastischen, medienkritischen Körper-Verwandlungskunst zu Werke. Mittels „inszenierter Fotografie“ sie schlüpft selbst in die verschiedensten Rollen karnevalisiert (siehe die Vielfalt ihrer Masken, Requisiten usw.), fiktionalisiert Sherman gesellschaftliche, alltäglich-konventionelle, mediale usw. Stereotype bzw. (Frauen-)Rollen; damit legt sie offen, was Selbst- wie Fremdbilder letztlich sind: Wunschmaschinen. Daneben werden noch die Medien der Darstellung Werbung, Kino oder klassische Malerei massiv hinterfragt. Die Thematik der Selbst-Verfremdung zieht sich in systematisch variierender Vertiefung durch Shermans Gesamtwerk: von ihren frühesten Arbeiten, etwa der Schwarzweißfoto-Serie Untitled A-E (1975), über die Untitled Film Stills (197780), bis zu ihren aktuellen, z.B. der farbfotografischen Reihe Clowns (200304). Sherman veranstaltet keine zahmen selbstinszenatorischen Clownerien, denn nie fehlen aggressiv kritische Töne; man betrachte nur ihre Auseinandersetzung mit dem Sexuellen: Die angriffige Palette reicht von Ausklappfotos in Magazinen bis zu aufblasbaren Geschlechtsteilen.
VALIE EXPORT, die Pionierin österreichischer Medien- und Performancekunst vertritt eine weitere wesentliche Position: Vergeschlechtlichte Machtstrukturen, hegemoniale Androzentrismen, kulturelle Weiblichkeitsstereotype und dergleichen werden von der Künstlerin wirkungsmächtig attackiert. Die ausgestellte Arbeit Aktionshose: Genitalpanik von 1969 mittlerweile eine Ikone feministischer Kunst konterkariert die Privilegierung männlicher Bildstrategien bzw. Blickregime. Von seinem Objektstatus befreit, bemächtigt sich der weibliche Körper einiger traditionell männlich besetzter Attribute.
Auch der Konzeptkünstler Lawrence Weiner, dessen von 1993 datierende Textinstallation Held Together with Water dieser Ausstellung den Titel gibt, zählt zu den „Objekten unserer Begierde“. Nach Weiner ist Sprache, wie man sie gebraucht; eingerostete kulturelle Lesemuster hinterfragend, anarchisiert er die starre linguistische Koppelung von Signifikant und Signifikat; doch der Referent, sprich das materielle Substrat, bleibt nicht außen vor, denn die Sprache, Material der Weiner’schen Kunst, lässt sich auf bzw. in die gegebenen dinglichen Faktizitäten ein: Die textuelle Arbeit Held Together with Water etwa wird wassergleich in den Fußboden der MAK-Ausstellungshalle eingegossen.
Zu den noch weniger bekannten Künstlern und Künstlerinnen zählt Loan Nguyen. Sie besticht in ihren formal klaren Landschaftsaufnahmen und Stillleben etwa den Mobiles series (200005) durch zurückhaltend-melancholische, ironisch gebrochene Narrative. Körper Nguyen stellt die Personnage ihrer Fotos selbst dar , innere Gefilde treffen auf Landschaften oder Architekturen, indem sie skurrile, sinn- bzw. belanglose Gesten vollführen; daraus resultieren wunderbare Arrangements von geradezu poetischer Potenz.
Die US-Amerikanerin Kate Gilmore konfrontiert den Betrachter in ihren Video-Performances sie spielt ihre Hauptdarstellerin stets selbst und Installationen mit den Abgründen des Alltags, und sie tut dies mit hintergründigem Humor; damit will sie die Dramen, die Unsicherheiten, die Ängste, kurz: das Chaos der alltäglichen menschlichen insbesondere weiblichen Existenz auf schmerzliche Weise durchsichtig machen. Gilmore führt in ihren Video-Performances einen tragisch-heroischen Kampf gegen die Gewalten des Materials oder der Menschen und mutet dabei wie ein moderner Sisyphus an. Die Ausstellung zeigt z.B. Gilmores Video With Open Arms (2005), eine symbolische Paraphrase der problematischen Konfigurationen des Selbstwertgefühls in Zeiten eines übermächtigen medialen Starkults: Am Ende einer Aufführung angelangt, lächelt eine Frau dem imaginären Publikum mit ausgebreiteten, offenen Armen zu, offensichtlich auf der Suche nach Applaus. Das unsichtbare Publikum aber bewirft sie von oben bis unten mit Tomaten; doch die so Gedemütigte lässt sich nicht klein kriegen, will den Erniedrigungen zum Trotz standhalten, giert von Neuem nach Liebe und Anerkennung, woraufhin das Spiel wieder aufs Neue anhebt.
Widerständige Kunst reproduziert nicht unreflektiert den Stand der Dinge, demonstriert nicht, was Wirklichkeit ist, sondern was wirklich werden könnte: avancierte Gänge der Gedanken, welt-fremde Bilder der Welt, kurz: das Andere des Hier und Jetzt. Kunst ist Intervention, nur indem sie sich einmischt, mischt sie die Karten neu. Im Dickicht des angepasst Warenförmigen wird kritische Kunst zur Mangelware, gerade deshalb jedoch muss sie standhalten. Kunst ist im Verhältnis zur Wirtschaft immer ein Trotzdem, sie ist nicht Zubehör des Homo oeconomicus noch dessen Reklame- oder Prestigemittel; und wenn doch, so dient sie lediglich einem neuen Herrn: vom Blutadel zum Geldadel.
Diese Ausstellung, so scheint es, ist dennoch imstande, den Antagonismus zwischen Kunst und Ökonomie respektive zwischen einem Museum und einem Konzern punktuell in gelungener Manier aufzuheben. Nicht zuletzt auch durch Mithilfe direkter Kooperation einer Reihe von Künstlerinnen und Künstlern ist eine durchkomponierte Präsentationsstruktur bzw. Inszenierung der „Sammlung Verbund“ entstanden; daraus resultieren beispielsweise die räumlichen Positionierungen der leitmotivischen Arbeiten von Lawrence Weiner, welche den Besucher von der Bodenarbeit bis zur Wandinstallation in der zentralen Ausstellungshalle lotsen. Gerade die spezielle Ausstellungsarchitektur bringt die der Sammlung innewohnenden Intentionen kongenial zur Geltung.
Katalogtext aus:
„HELD TOGETHER WITH WATER. Kunst aus der Sammlung Verbund“, hg. von Gabriele Schor, mit einem Vorwort von Peter Noever und Textbeiträgen von Yve-Alain Bois, Thierry de Duve, Giovanni Carmine, Olafur Eliasson, Briony Fer, Edith Futscher, Gilbert & George, Kate Gilmore, Patricia Grzonka, Inka Graeve Ingelmann, Ursula Pia Jauch, Gabriele Jutz, Cynthia Krell, Andrea Kroksnes, Richard Nonas, Mysoon Rizk, Ramin Schor, Walter Seidl, Abigail Solomon-Godeau, Beate Söntgen, Geraldine Spiekermann, Gregor Stemmrich, Philip Ursprung, Jeffrey Weiss, 392 Seiten, 320 Abbildungen, Hatje Cantz, Ostfildern 2007, € 39,.
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