JENNY HOLZER

Die Heroin des stillen Zorns

Jenny Holzer gehört unbestreitbar zu den Pionieren einer sprachlich artikulierten und politisch motivierten Interventionskunst. Ihre Arbeit zielte von Anfang an auf den maximalen Wirkungsraum künstlerischer Praxis: auf die urbane Öffentlichkeit. Sie war die Erste, die mit äußerster Insistenz und Vehemenz eine Dimension von Alltagsaufklärung in das urbane Bewusstsein einbrachte, das heute - ob des inzwischen schon klassisch gewordenen Ranges - zur Selbstverständlichkeit und zum Fundament späterer Entwicklungen geworden ist. Ihre Installationen und Fließtexte waren stets strategisch positioniert. Sie waren an den zufälligen Passanten adressiert. Der mancherorts erhobene Vorwurf des Alarmismus ging stets in die Leere. Jenny Holzers Medium war nämlich immer schon die Situation und ihre spezifische Dynamik. Dafür hat sie ein Gespür und eine analytische Intelligenz, die in dieser Charakteristik nur ihr gehört. Ihr Anliegen ist bis heute genuin aufklärerisch geblieben. Diesen Weg zu gehen, sich dafür zu entscheiden, setzt keine ästhetische, sondern eine ethische Richtungsentscheidung voraus. Hier, an diesem zentralen Punkt, trifft sich das Anliegen Jenny Holzers mit dem literarischen Großprojekt von Elfriede Jelinek. Beide Frauen sind Heroinen des stillen Zorns und arbeiten mit der Sprache. Sie haben es nie widerspruchslos hinnehmen wollen, dass alles ins Funktionale gerutscht ist. So war es nur noch eine Frage der Zeit bis sie aufeinander zukommen würden, um an einem gemeinsamen Vorhaben zu wirken. Ihren systemkritischen Eros hat Elfriede Jelinek schon 1976 in ihrem hervorragenden Nachwort zu Thomas Pynchons Roman „V.“ artikuliert. Dort steht schon vieles, was später im Großen ausgeführt sein wird. Das System operiert mit der Sprache. Und so ist ihm auch nur mit der Sprache beizukommen. Holzers Texte irritieren, ziehen eine Wirkung mit und nach sich, die Walter Benjamin treffend „Choc“ nannte. In den sich daraus ergebenden Zäsuren, in jenen Rissen, in den Frakturen der Systemtotalität, in den Bruchstellen des panfunktionalen Kontinuums entstehen produktive Räume, innerhalb derer man in Alternativen leben, denken und handeln kann. Seit jenem des hellsichtigen Kritiker-Duo Oskar Negt und Alexander Kluge hat es kein stärkeres Duett als das von Holzer und Jelinek gegeben. Sie bilden eine starke und nicht mehr zu ignorierende Stimme. Sie stellen unsere alltäglichen Scheingewissheiten und unseren affirmativen Gedankenkomfort empfindlich in Frage. Und sie zielen auf das, was es letztlich als einziges anzustreben lohnt: das Unbestimmte. Das ist deren heroische Aufgabe.

Peter Noever



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