MÖBEL ALS TROPHÄE

Das Gebiet der Zoologie liefert dem Kunstgewerbe seit jeher eine Menge von Verlegenheitsmaterial. In erster Reihe sind da die zahllosen Geweihe und Gehörne zu nennen, die nicht nur alle Jagdschlößchen und sonstigen Behausungen sämtlicher Jagdliebhaber vollfüllen, sondern auch schon in Wohnungen von Menschen angetroffen werden, die mit einer Flinte nie etwas zu tun hatten, sondern höchstens einen Rehbraten zu würdigen wissen.
Gustav Pazaurek: Guter und Schlechter Geschmack im Kunstgewerbe, Stuttgart/Berlin 1912, S. 30f.


Jagdtrophäen sind in der menschlichen Kultur tief verankert; seit alters her dienten sie repräsentativen Zwecken und demonstrierten den Triumph des Jägers über das Wild. Die Verwendung von tierischen Trophäen für den Möbelbau stellt dagegen ein vergleichsweise junges Phänomen dar. Abgesehen von spätmittelalterlichen Geweihleuchtern, den sogenannten Lusterweibchen, die oft allegorische oder mythologische Bedeutung besaßen, und einigen kuriosen Einzelstücken aus dem Umfeld der fürstlichen Kunst- und Wunderkammern fanden Möbel als Trophäen erst durch die Geweihmöbelmode des 19. Jahrhunderts weite Verbreitung: In den Jagdzimmern des Alpenraums waren die aus den Geweihstangen von Hirschen hergestellten Geweihmöbel äußerst beliebt. Dem wachsenden Geschmack für exotische Dekorationsstücke entsprechend wurden um die Jahrhundertwende vermehrt auch Varianten aus Rinder- oder Antilopenhörnern im Kolonialstil angeboten.

Der hervorragende Bestand des MAK an Geweihmöbeln aus dem einstigen kaiserlichen Jagdschloss in Neuberg an der Mürz (Steiermark) bildet den Ausgangspunkt für die Ausstellung „Möbel als Trophäe“, die sich erstmals umfassend dem

innovativen Möbelentwürfe zu verwenden: So konzipierte der Schweizer Architekt Le Corbusier 1928 zusammen mit Charlotte Perriand und Pierre Jeanneret eine Reihe von luxuriösen, mit Ponyfell überzogenen „Erholungsmaschinen“, die der Entspannung dienen sollten. Ein außergewöhnliches Einzelstück ist die berühmte Chaiselongue der drei Entwerfer aus dem ehemaligen Besitz des Maharadschas von Indore: Sie ist mit dem Fell eines Leoparden ausgestattet – das technisch-rationalistische Gestell der Liege wurde hier mit dem Inbegriff des Wilden und Exotischen kontrastiert. Bis heute werden verschiedene Tierfelle auf vergleichbare Weise immer wieder dazu verwendet, spezielle Sitzmöbel – und selbst die Massenware Sessel – zu veredeln und mit einem Hauch von Luxus, Exotik und Erotik zu versehen.

Seit einiger Zeit haben die Geweihmöbel wieder Konjunktur. Waren sie Mitte des 20. Jahrhunderts höchstens noch von den Surrealisten als skurrile Auswüchse einer rustikalen Gemütlichkeit geschätzt und im Neuen Deutschen Design der 1980er Jahre gar als sarkastische Hommage an das bürgerliche Ursymbol des „Röhrenden Hirschen“ verwendet worden, so sind sie seit einiger Zeit der letzte Schrei der Möbelbroschüren und Modemagazinen, die sie unter Etiketten wie „Neo-Alpin“ oder „Retro-Chic“ bewerben. Auch Fellmöbel scheinen mit dem derzeit aktuellen rustikalen Landhaus- oder Heimatstil kompatibel zu sein; je nach Art des Fells versehen sie das Interieur mit einem trendigen Western-Look oder Safari-Stil. Neu entstandene Geweih-, Horn- und Fellobjekte von Designern und Künstlern wie Jerszy Seymour, Micha Brendel und Helmut Palla konterkarieren allerdings den Stimmungswert dieser Trophäenmöbel und führen ihre Wohnlichkeit an die Grenzen des Absurden.


 
Möbel als Trophäe, Ausstellungsansicht; Lusterweibchen aus dem Rathaus von Eger, 16. Jahrhundert. Hirschgeweih, vergoldetes und gefasstes Holz, Eisen; Josef Danhauser: Entwurf für ein Hirschgeweihmöbeln, um 1830. Bleistift, Tusche, laviert

Phänomen tierischer Materialien im Bereich des Möbeldesigns widmet. Die grotesken Möbelstücke aus Geweih und Gehörn werden dabei mit „Klassikern“ des modernen Wohndesigns konfrontiert, die mit Tierfell bezogen sind. Als Möbelüberwürfe, Bettvorleger, Teppiche oder Wandbespannungen hatten sich die Felle von Bären und Raubkatzen, Zebras und anderem Großwild seit Beginn des 20. Jahrhunderts schon in den neuen Innenräumen der Moderne bewährt; in den 1920er Jahren begannen die Architekten der Moderne, sie auch als Bezüge ihrer



Dauer der Ausstellung:
27. Mai–1. November 2009
MAK-Studiensammlung Möbel

Kurator: Sebastian Hackenschmidt
MAK-Kustode Möbel und Holzarbeiten
Ausstellungsorganisation: Sabrina Handler


Besonderer Dank an die Leihgeber:

Uwe van Afferden, Alte Dekorationen (München), Bundesmobilienverwaltung / Hofmobiliendepot – Möbelmuseum Wien, Micha Brendel, Design Tradition (Wien), Deutsches Jagd- und Fischereimuseum München, Klaus Engelhorn, Museo di Storia Naturale – Musei Civici di Venezia, Die Neue Sammlung München, OPHIUCHUS SA (Geneva), Helmut Palla, Francesca Gräfin Pilati, Jerszy Seymour, Wohndesign Salzburg, Günther Weissel sowie Mark Armstrong, Babylon (Wien), Mauro Bon, Maximilian Fritz, Petra Hölscher, Sotheby’s (Monaco), Michael Turkiewicz, Ingrid Weinberger


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