Projekt

WIEN 1900 inspiriert

Schaufenster zum MAK
Marco Dessí: Dagobert Peche Revisited, 1913/2012

Der Designer Marco Dessí interpretiert den Salonschrank von Dagobert Peche (Wiener Werkstätte) neu. Eine Intervention in Wien Mitte – The Mall anlässlich der Neuaufstellung der Schausammlung WIEN 1900 – Wiener Kunstgewerbe 1890–1938.

Als Wien um 1900 mit rund zwei Millionen EinwohnerInnen nach New York, London und Paris die viertgrößte Stadt der Welt war, war es Zentrum einschneidender kultureller, wissenschaftlicher und gesellschaftspolitscher Entwicklungen. Sigmund Freud, Josef Hoffmann, Gustav Klimt, Adolf Loos, Arthur Schnitzler, Otto Wagner und nicht zuletzt das Kollektiv der Wiener Werkstätte stehen für diese Blütezeit der Wiener Moderne, in der auch das Kunstgewerbe eine Vorreiterrolle einnahm. Die Highlights dieser Zeit, ihre Vorläufer, Inspirationen, Auswirkungen und Ausläufer (1890–1938) zeigt das MAK nun in einer ersten Stufe der Neuaufstellung der Schausammlung WIEN 1900 – Wiener Kunstgewerbe 1890–1938 (bis 17.3.2013).

v.l.n.r.: Josef Hoffmann und Fritz Waerndorfer mit dem ersten von der WW gefertigten Silbergegenstand (Mod. Nr. S 1), 1903; Dagobert Peche, Portrait;  Josef Hoffmann (1870–1956), Tisch für das Wohnzimmer  der Wohnung Dr. Hans Salzer, Wien, 1902, Ausführung: unbekannt; Holz, Ahorn, schwarz gebeizt, matt politiert; Marmor.

Dass Wien um 1900 und die Errungenschaften dieser Zeit auf dem Gebiet der modernen Gestaltung auch heute noch Inspiration für viele unserer Alltagsgegenstände, Möbel und Architekturen sind, zeigt der junge Designer Marco Dessí. Für das MAK-Schaufenster interpretierte er den Salonschrank eines Empfangssalons von Dagobert Peche, entstanden 1913, in seiner eigenen Ästhetik und setzte dieses Stück so um wie man es heute, fast 100 Jahre später, wohl entwerfen und anfertigen würde. Dazu hat Dessí das Möbel von Peche eingehend studiert und jene Merkmale herausgesucht, die es so ungewöhnlich und spannend machen.

Entgegen der vorherrschenden minimalistischen Reduktion verweigerte sich Peche, seit 1916 einer der Direktoren der Wiener Werkstätte und federführend für viele der heute berühmten Wiener Werkstätte-Designs, dem kunstwissenschaftlichen Ordnungsbedürfnis und ließ die Fantasie hochleben. Das Original, ein schwarz gebeizter Schrank aus Birnbaumholz mit vergoldeten Ornamenten verziert, wirkt wie ein dreidimensionales Tapetenmuster – ein flächig gedachtes Möbel mit eigenwilligen Proportionen, ein massiver Korpus auf acht grazilen, geradezu tänzelnden Beinen – ein Möbel, das unweigerlich alle Blicke auf sich zieht. Die Inszenierung ist hinterlegt mit dem Tapetenentwurf Das Schilf II von Dagobert Peche aus dem Jahr 1922.

v.l.n.r.: Marco Dessí (*1976), Dagobert Peche Revisited, Wien, 2012, Ausführung: Marco Dessí, Karl Neubauer (MAK), Birkensperrholz gelb gebeizt, CNC-gefräst, Stahlrohr pulverbeschichtet. Dagobert Peche (1887-1923), Salonschrank eines Empfangssalons, präsentiert auf der 45. Secessionsausstellung 1913, Wien, 1913, Ausführung: Jakob Soulek, Birnbaumholz schwarz gebeizt, Lindenholz geschnitzt u. vergoldet. Tapete, Dagobert Peche (1887-1923), Das Schilf II, Wien und Köln, 1922, Ausführung: Flammersheim & Steinmann für die Wiener Werkstätte, Papier; bedruckt

Ab 30.1.2013 zeigt Marco Dessí seine Arbeiten in der Ausstellung STILL LIFE im Rahmen der Ausstellungsreihe ANGEWANDTE KUNST. HEUTE.

Marco Dessí (* 1976 in Meran, Italien) studierte nach einer technischen Ausbildung Industrial Design an der Universität für angewandte Kunst Wien. 2007 gründete er sein eigenes Designstudio. Die konsequente Verknüpfung von Funktion, Konstruktion und Ästhetik interessiert den Designer, dessen Arbeitsweise immer das Verständnis und die Nähe zum Produktionsprozess voraussetzt.
> marcodessi.com

Dagobert Peche (*1887 in St. Michael … 1923 in Mödling) studierte 1908–1911 in Wien, zunächst Maschinenbau an der technischen Hochschule, danach Architektur an der Akademie der Bildenden Künste. Obwohl seine Formensprache stilistisch anfangs eher dem Barock und Rokoko verpflichtet ist, interessiert sich Peche sehr für die Standardisierung der Formen und die neuen Möglichkeiten der industriellen Serienproduktion von kunsthandwerklichen Objekten. Zeitlebens hat Peche großen Einfluss auf das Design der Wiener Werkstätte, als einer ihrer kreativsten Vertreter entwirft er etwa 3.000 Objekte, darunter Keramik, Möbel, Bucheinbände, Schmuck, Mode, Textilien oder auch Christbaumschmuck.

Kuratorin Marlies Wirth