28.2.2007—15.7.2007
MAK-Studiensammlung Textil

Stephan Hann, der heute in Paris und Berlin lebende Künstler, wurde an der Deutschen Oper Berlin zum Herrenmaßschneider ausgebildet (1987–1990). Anschließend studierte er Mode und Kostümbild an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee (1992–1996). Während seines Studiums praktizierte er unter anderem in den Kostümwerkstätten des Deutschen Theaters und im Berliner Ensemble. Nach seiner Ausbildung zog es ihn in die Hauptstadt der Mode, nach Paris, wo er 2004 mit Loulou de La Falaise, der langjährigen Assistentin Yves Saint Laurents, kooperierte und seit 2003 für das Haus Daniel Swarovski arbeitet.

Die „optischen Fähigkeiten“ des Materials seiner Kreationen beschäftigen Stephan Hann vor allem. Seine Entwürfe werden schneiderisch perfekt ins Dreidimensionale umgesetzt und aus „Stoffen“ gefertigt, die ihre Dienste in anderen Bereichen geleistet haben und die man eigentlich nicht mit Mode verbindet. Hann verschafft ihnen so eine neue Aufgabe. Für den Champagnerfabrikanten Moët & Chandon, Lexmark, eine Firma, die Fotodruckpapier erzeugt, oder für die Firma Tetra Pak, die Getränkeverpackungen produziert, hat er Modekollektionen entwickelt, die die Produkte der Firmen in verwirrend neue Kontexte stellen und so den Blick auf sie schärfen. Die Kleider fungieren als auffallende Werbeträger. Für Hann bedeutet dieses gezielte „Recycling“ Gedächtnis, Bewahren, Erhalten der Grundsubstanz, des Werkstoffs.

Aneinandergereihte Champagner-Kapseln bekommen den Charakter einer Rüstung; dunkle und helle Zelluloidstreifen werden zu üppigen Roben verflochten, die brillanten, bunten Fotodruckpapiere von Lexmark zu einfachen, schmalen Kleidern verarbeitet; Tetra Paks Produkte bilden den bunt gemusterten Stoff für ausgefallene Gewänder; ein Minikleid entsteht aus zusammengenähten französischen Militärportemonnaies.
 

Stephan Hanns Mode ist eine Art visualisierter Hip-Hop - alte Kleidformen werden analysiert, buchstäblich oder nur gedanklich auseinander genommen und ergeben neue, unerwartete Lösungen, manche dieser Stücke werden mit historischen Beispielen aus der MAK-Studiensammlung Textil kombiniert.

Stephan Hann hat seine "Recycling-Couture" seit 1993 in verschiedenen Ausstellungen präsentiert, z.B. in den Kunstgewerbemuseen Berlin (1996) und Hamburg (1998), im Niederländischen Architekturmuseum Rotterdam (1999), im Württembergischen Landesmuseum Stuttgart (2000) oder im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (2003). Mit seinen Auftraggeberfirmen hat er Modeschauen in Berlin (1993, 1997, 1999, 2002), Meran (1998), Paris (2003) und in Moskau (2000) veranstaltet. 1998 entwarf der Künstler die Kostüme für Jean-Philippe Rameaus Barockoper "Les Indes Galantes" an der Stuttgarter Oper, 2005 beriet er die ARD bezüglich der Kostüme für die Fernsehserie "Sophie - Braut wider Willen".

Kuratorin Angela Völker, MAK-Kustodin Textilien und Teppiche